Rundum zufrieden

Zwar liegt mein letzter Bloggeintrag noch nicht so lange zurück, da die zurückliegenden Tage aber so schön waren, konnte ich es nicht sein lassen, mein Glück mit anderen Menschen zu teilen 😉. Es fing alles mit dem Feuerfestival, Mittwoch vor zwei Wochen an. Bei diesem all jährlichen Ereignis bekommt man sogar den König von Nalerigu (in Ghana gibt es ziemlich viele Könige) zu Gesicht, was hier etwas sehr besonderes ist. Dieser wirft bei der Zeremonie (umringt von Trommlern, Schaulustigen und Polizisten mit Schlagstöcken) eine brennende Fackel von sich. Die umstehende Menge kann anschließend ihre eigenen Fackeln an diesem Feuer entzünden. Zurückgeführt wird diese Tradition auf eine Legende, ich weiß allerdings nicht, wie lange diese schon zurück reicht. Darin ging es um eine ghanaische Familie, die  einen Sohn gehabt haben soll, welcher bei der Feldarbeit im Schatten eines Busches eingeschlafen sei. Als der Abend eintrat und die Feldarbeiter nach Hause aufbrachen, schlief er noch immer und seine Abwesenheit wurde nicht bemerkt. Natürlich war es die Mutter, die ihren Sohn als erstes vermisste, aber sie war sich gewiss, dass er mit seinem Vater unterwegs war. Dummerweise dachte der Vater ebenfalls so und ihren Irrtum erkannten sie erst, als sie sich trafen und keiner von beiden den Sohn bei sich hatte. Sofort wurde die Suche aufgenommen und glücklicherweise schlief er noch immer neben dem Busch auf dem Felde, wo sie ihn auch endlich fanden. Und somit waren Mutter, Vater und Kind wieder vereint. Zur Sicherheit, dass auch alle bösen Geister vertrieben wurden, überließen sie den Busch den Flammen. Wahrscheinlich hatte eines Tages ein König in Ghana beschlossen, dass diese Legende zum Grundstein eines neuen Festes- nämlich das Feuerfest werden sollte. Und was der König sagt, wird dann auch in die Tat umgesetzt, und so feiert der Norden Ghanas nun jedes Jahr mit Fackeln, Trommeln und Pistolen ein Fest, um die bösen Geister zu verjagen. Das Ganze erinnert ein bisschen an Fasching, nur dass hier tatsächlich noch Menschen an diese unsichtbaren Wesen glauben (ein kleiner Einschub von gestern Abend: Laut meiner Schwester Bernice reicht der Aberglaube so weit, dass es Freitags nicht erlaubt ist, am Staudamm Wasser zu holen, weil dann die Krokodile an Land kommen könnten, indem sie sich in betende Muslime verwandeln. Ein weiterer Aberglaube verursachte, dass man in der Senior- Highscool nach acht Uhr am Abend nicht mehr duschen durfte, da sonst böse Geister angelockt werden könnten…ähm ja…). Erfahren, dass es dieses Fest überhaupt gibt, habe ich erst am Abend davor. Erfahren, dass ich keine Schule habe, habe ich erst am Morgen dieses Tages, nämlich nachdem ich bei meinem Headmaster Ernest zur Sicherheit nochmal nachgefragt habe. Seine Antwort bot für mich wieder ein Grund zum Schmunzeln, denn er berichtete mir zunächst, dass er am Morgen zur Schule gefahren sei, und dort dann bemerkte, dass ja Feiertag und somit keine Schule sei 😃 (Oh Mann…das sind schon solche Spezialisten).

Am Abend haben wir uns dann auf den Weg gemacht. Wir- das waren William, mein Mentor, von dem auch die tollen Bilder in dem YouTube Video stammen (https://www.youtube.com/watch?v=U_jPlL3RAeI&feature=youtu.be), Morgan und Jhon, zwei Freiwillige aus dem Krankenhaus und ich. Adi lag leider mit Malaria im Bett und alle anderen wollten entweder wegen der Pistolen und Betrunkenen oder aus Angst vor Einbrüchen nicht mitkommen (was dies anbelangt, erinnert es mich allerdings an Deutschland…man trifft doch überall die gleichen Leute). William versicherte uns allerdings, dass der Alkohol erst nach der Zeremonie zum „Problem“ werden könnte, wenn man das so sehen will, denn er hätte noch nie Komplikationen erlebt. Es verlief dann auch alles sehr friedlich aber viel mitbekommen habe ich leider trotzdem nicht. Das lag zum einen daran, dass neben mir noch viele andere Menschen versuchten, einen Blick auf den (sehr) kleinen König zu werfen,  bestimmt aber lag es am meisten daran, dass ich so ein Schreckvogel bin. Da ich wirklich Respekt vor den Menschen mit Schießpulver geladenen Pistolen hatte, die jeder Zeit einen ohrenbetäubenden Schuss abfeuern konnten, war ich die ganze Zeit damit beschäftigt, ohrenzuhaltend so viel Abstand wie möglich zwischen diesen Menschen und mich zu bringen. Als die halbe Stunde vorbei war, wollte ich so schnell wie möglich wieder zurück und war sehr glücklich, dass William nicht so verängstigt war  wie ich und sich für seine tollen Fotos ganz ins Geschehen stürzte.

Am Freitag folgte gleich der zweite Feiertag, nämlich Founders- Day, dem Tag, an dem man den ersten Präsidenten Ghanas feiert. Dies wurde wie der „Tag der deutschen Einheit“ nicht so gefeiert, dass ich etwas mitbekommen hätte, aber da dieser Feiertag mit Adis Geburtstag zusammenfiel, war das natürlich ganz geschickt. Der arme hatte sich zwar noch immer nicht ganz erholt aber immerhin hatte er am Abend wieder Lust was zu essen und das war ein Glück für ihn, denn es gab seine geliebte Erdnusssuppe und ein Geburtstagskuchen à la Baby (meine Gastmutter). Unsere Mentoren plus Familie waren auch eingeladen und somit war dies für ghanaische Verhältnisse ein sehr würdiger Geburtstag. Für uns natürlich auch! aber wie ich erfahren habe, ist das für hier nicht selbstverständlich, denn normalerweise hat ein Geburtstag nicht den gleichen Stellenwert wie in Deutschland. Den Geburtstag von Ephraim hatten sie z. B. ganz vergessen und wurde dann einfach auf den nächsten Tag verschoben. Auch haben wir festgestellt, dass Adi und ich mit unseren Süßigkeiten für Ephraim die Einzigen mit einem Geschenk waren und an eine Geburtstagsfeier mit Gästen denkt hier niemand. Typisch dafür ist, dass man an diesem Tag weder die Küche betreten, noch mitbekommen sollte, was es zum Essen gibt. Somit wird dieser Tag zumindest für die Frau zu einem besonderen Tag. In meiner Gastfamilie aber wird es schon allein auf Grund des Essens und des Kuchens (ich habe die Vermutung, dass Baby die einzige in Nalerigu ist, die Kuchen backt) zu etwas ganz Besonderem 😃.

Am folgenden Samstag traf ich mich mit Heidi auf dem Fußballfeld neben dem Haus. Beide hatten wir Sportklamotten an, denn wir waren entschlossen, bei dem geplanten Frauenfußballspiel teilzunehmen. Es war eigentlich alles da, was man dafür benötigte: Ein Feld mit Toren, ein Ball und sogar Zuschauer- Nur die Spielerinnen fehlten. Auch wenn wir extra  eine dreiviertel Stunde später gekommen sind, musste das ja trotzdem noch nichts endgültiges bedeuten, dachten wir uns und warteten geduldig auf weiteres.  Doch es gab keine Fortsetzung, außer wenn man immer schon der Meinung war, man solle die Menschen nicht in Geschlechter aufteilen. Tja, uns wurde gesagt, wir sollten nächsten Samstag nochmal kommen…😉 Wir haben uns dann mit Frisbeespielen begnügt und nachdem wir dazu übergegangen waren, die Scheibe so zu passen, dass man jedes Mal zehn Meter  sprinten musste, um sie zu fangen, hatten auch wir unsere Bewegung 😊.

Also in Deutschland war es ja so, dass der Sonntag der absolute Nichts-tun-Tag war. Aber hier ist es der absolut vollste Tag der Woche. Wer hätte gedacht, dass ich am heiligen Tag mein Wecker auf sieben Uhr stelle? Und warte ganz kurz- für was denn nochmal? Jep, du hast Recht: Ich muss einen Dachschaden haben, wenn ich einer meiner zwei freien Tage dafür opfere, um acht Uhr in die Kirche zu gehen. Ich habe einmal erzählt, dass ich den Gottesdienst schrecklich finde, daran kann ich mich noch erinnern. Doch damals hatte ich mich noch nicht dem katholischen Kirchenchor angeschlossen und ich hatte auch noch nicht den katholischen Gottesdienst besucht. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Hauptgrund auch der Chor und nicht meine plötzliche Faszination an Jesus. Ebenfalls muss ich  zugeben, dass dieser Gottesdienst mir um Jahre einladender vorkommt, denn es wird weder ins Mikrofon geschrien, noch wird die Predigt mit einer super kitschigen Klaviermusik unterlegt, ich kann sogar mit beten (zwar auf deutsch, aber der Ablauf ist der Gleiche) uuuunnnd der Gottesdienst geht tatsächlich nur zwei Stunden!! In dem Chor sind viele Mädels in meinem Alter, der Chorleiter hat Humor und die Musik ist so, wie man sich afrikanischen Gospel hald vorstellt und somit hatte ich beschlossen, dass ich das mal ausprobiere 😊

Am Mittag unternahmen Adi und ich eine kleine Fahrradtour in den Nachbarort Nagbo. Ich finde ja, dass jedes Fahrrad, dessen Kette nicht alle fünfzig Meter rausspringt und das eine Bremse besitz, völlig ok ist. Deswegen war ich auch ganz zufrieden mit der Leistung unserer zweier Drahtesel. Adis gute bescherte uns nämlich, nachdem wir Nalerigu mit seinen vielen Schlaglöcher verlassen hatten keine Probleme mehr mit der Kette und bei mir brach die Bremse erst, als wir den Abhang und die Sandeinlagen hinter uns gelassen hatten. Dass wir die etwas steilere Rückfahrt dank der kein- Gang- Schaltung im sportlichen Tempo zurücklegten mussten, war das auch ein sehr nettes Geschenk unserer zweier Wegbegleiter und am Ende waren wir beide der Meinung, dass man das (nach einer Bremsreparatur) noch einmal machen könnte 😃. Nachmittags fand wie immer das Frisbeespiel statt, am Abend beim Filmschauen konnte ich dann letzten Endes auch kein Wiederstand mehr leisten und genoss die 1 ½ Stunden Schlaf…Halt Stop! Ich hatte vergessen das eigentlich größte Highlight zu erwähnen: Bratkartoffeln mit Sauerkraut und Brathähnchen. Ein bisschen Deutschland hatte uns William von seiner Reise mitbringen können und es schmeckte verdammt gut 😉!

Ein weiteres aufregendes Abendessen erlebten wir am Montag. Isaac und Joyce hatten die beiden Tage zuvor damit verbracht, zwei unserer Ziegen zu schlachten und auseinanderzunehmen. Zur Feier des Tages gab es nun Fufu mit Leightsoup, die durch das gekochte Ziegenfleisch einen ganz besonderen Geschmack bekam. Ich finde, ich kann mir immer noch mit ein bisschen Stolz die Schulter klopfen, denn außer den beiden Männern war ich die einzige, die es anrührte. Als ich gerade in das köstlich duftende Fleisch beißen wollte, erkannte ich, dass es sich doch tatsächlich um die Zitzen handelte und das zweite entpuppte sich als Auge. Es hat wirklich nicht schlecht geschmeckt- Das erste eigentlich wie Hühnerhaut, letzteres wie eine Mischung aus Ei und Fleisch. Nur die schwarze Pupille wollte einfach nicht in meinen Mund. Die Hufen, die Schnauze, das Gehirn und alles andere, was ich nicht identifizieren konnte, landeten unkommentiert in den Mündern von Joseph und Isaac. Es war ein sehr amüsanter Abend 😉.

In der Schule geht es ebenfalls voran. Oder auch nicht…da bin ich mir noch nicht so sicher. Für alle, die auch gerne in Ghana Mathe unterrichten wollen, kann ich jetzt schon mal berichten, welche Methoden nicht so günstig sind, um eine Klasse ruhig zu halten: Umsetzten; Müll sammeln lassen; Drohen, jemanden Null Punkte in der Hausaufgabenkorrektur zu geben. Es waren einfach zu viele. Immerhin, wenn man den schnellsten der eine Aufgabe löst oder der einen Tafelaufschrieb abgeschrieben hat, mit einem Bonbonbelohnt, bekommt man sie zum größten Teil für diese kurze Zeit geködert. Ich bin daher dazu übergegangen sehr viele und ausführliche Texte an die Tafel zu schreiben. Zudem haben dann auch diejenigen,  die zu Hause lernen wollen, etwas in der Hand. Zudem bin ich mir noch nicht so sicher, wie sehr ich wirklich als Lehrerin  angesehen werde. Hier in Ghana ist ein Lehrer tatsächlich nur ein Lehrer und er hat eine sehr hohe Stellung. Man kann sich von den Schülern Essen bringen lassen, es kommt nie vor, dass man auf dem Schulhof stehen muss und wie gesagt, wenn es ruhig sein soll, bekommen sie es auf ihre Methode ziemlich gut hin. Kurz gesagt. Ein Lehrer ist nicht dein Freund. Somit wird das auch nicht zum Kriterium, ob man von der Klasse gemocht wird oder nicht, beziehungsweise andersherum gesagt, die Lehrer setzten nicht den Schwerpunkt darauf, ob die Schüler mit ihrem Unterricht zufrieden sind. Wenn ich mich jetzt reflektiere, kann ich nicht einfach ignorieren, dass manche Mädels in den Pausen meine Haare durch wuscheln, meine Kleider kommentieren, während ich sie dazu auffordere, mitzuschreiben oder mich während der Unterricht weitergeht bis zum Ende des Schulgeländes begleiten, um meine Tasche tragen zu können. Ich glaube, da kann ich noch so sehr versuchen, streng zu sein. Es war ja schon fast beängstigend, wie sich alle gefreut haben, dass ich bei ihnen in der Klasse unterrichten werde. Ich meine: Hallo, es geht hier um Mathe! 😉 Nicht so lustig fanden nun auch die Lehrer, dass die beiden Klassen 5a &b  zusammengelegt werden, da es zu wenig Klassenzimmer gibt. Dies bedeutet ab jetzt, dass es bei den 60- 70 Schülern bleibt.

Trotzdem habe ich mich irgendwie ein bisschen an die Schule gewöhnt. Ich muss schon gestehen, dass ich froh bin, dass mich die Kinder immer noch lieb haben, nachdem ich während der letzten Woche, naja schon das ein oder andere Mal ziemlich laut geworden bin, nachdem ich einfach keine Geduld mehr aufbringen konnte 😉. Auch de Pausen sind immer ganz entspannt, wenn man sich mit den anderen Lehrern unter einer der wenigen Bäume zum quatschen trifft. Treffen tut es sich dann auch ganz gut, dass sie alle zwischen 20 und 30 Jahre alt sind 😊.

Ich muss schon sagen, ich bin rundum zufrieden!

 

 

 

 

 

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