Von Kotzeritis, (Heimweh), Bürokratie und mathematischen Herausforderungen

Das waren unsere Gäste während den Ferien 🙂
Beim Uno-Uno spielen
Mein kleiner Bruder Ephraim mit einem Portrait von mir

Ich muss schon sagen, die letzten zwei Wochen waren sehr ereignisreich und haben theoretisch die Abwechslung herbeigeführt, auf die ich die ganzen Ferien hingefibert habe. Aber es war definitiv nicht so, wie ich mir das gewünscht habe. Eigentlich hätte alles am Montag vor zwei Wochen angefangen, nämlich mit dem Schulbeginn und somit dem Start in unsere Arbeit. Überrachenderweise wurde ich drei Tage vorher von einem Infekt erwischt, was die Pläne natürlich komplett durcheinander warf. Eine Woche wurde ich im Bett festgehalten, bis ich wieder meine normale Temperatur hatte, beinahe zwei Wochen bis mein Stuhlgang wieder an Normalität grenzte. Da sich das Spucken glücklicherweise nur auf eine Nacht begrenzte, hatte die ganze Geschichte auch einen Vorteil …es war nicht mehr langweilig, da ich immer das Bedürfnis nach schlafen hatte und sich auch mein bisheriger Bewegungsdrang praktischerweise eingestellt hatte 😃 Dummerweise kam dieser Infekt eine Woche zu spät, fand ich, denn ich hätte schon gerne angefangen zu arbeiten. Am Ende blieb ich teilweise nur noch liegen, um endlich wieder ganz gesund zu werden. In dieser Zeit hatte ich wahrscheinlich zu viel nachgedacht, denn nun hatte es mich nach fünf Wochen auch erwischt: Das Heimweh. Obwohl ich es nicht bereue hier zu sein und es, glaube ich kaum besser sein könnte, bekam ich Sehnsucht nach einem gemeinsamen Familienfrühstück, dem sonntäglichen Tatortschauen und nach spaßreichen Abenden im Freundeskreis. Mein Kumpel Jo hat es aber ganz gut auf den Punkt gebracht: Es wäre ja traurig, wenn ich nichts vermissen würde. Da musste ich ihm wohl Recht geben! 😉

Zudem wollte ich schnellstmöglich gesund werden, weil uns die Zeit davon eilte, unsere Arbeits- und Bleiberechtserlaubnis zu beantragen. In Deutschland war es nur möglich gewesen, ein Visum für drei Monate zu erhalten und da unsere Schulleitung bis zum Ferienende im Urlaub gewesen war, hatte dies für uns bedeutet, dass wir uns erst während der Schulzeit darum kümmern konnten. (Mir hat sich immer noch nicht die Frage erschlossen, warum sie uns die benötigten Papiere von der Schule nicht vor Ferienbeginn haben geben können, nachdem wir schon die sechsten Freiwilligen in Folge sind. Aber mich beschleicht der Verdacht, dass die Arbeitsmoral durchaus Unterschiede aufweist… mehr Gemütlichkeit und so 😉)

Briefkästen in Ghana

Wie sehr ihr aus, wenn so ziemlich alles schiefgelaufen ist?
Unsere Mitfahrgelegenheit nach Tamale 😀

Naja es ging nicht auf unsere Kappe, dass wir uns nach meiner Genesung erst auf den Weg nach Tamale machen mussten, um im Immigration- Office unsere Papiere abzuholen. Tamale ist die nächstgrößere Stadt im Umkreis von Nalerigu. Es gibt Menschen, die dort mehrmals in der Woche hin pendeln, um dort zu arbeiten. Auch, dass es dort den ersten Supermarkt gibt, ist ein Beweggrund. Doch ich finde es schon verrückt, wenn man bedenkt, dass du dafür um vier Uhr morgens am Tro- Tro- Bahnhof stehen musst, daraufhin beinahe vergeblichst versuchst 3 ½ Stunden in einem mit dreißig Mann beladenen Kleintransporter zu schlafen und am Nachmittag möglicherweise nach ungewissen zwei Stunden Wartezeit von dem Tro- Tro wieder zurückgefahren wirst. Tut mir Leid Mama, aber über Stuttgart kann man sich nun echt nicht beschweren 😉. Alles andere verlief ziemlich frustrierend an diesem Tag. Unser Mentor William, der mit seiner amerikanischen Familie jedes Jahr ebenfalls die gleiche Prozedur durchlaufen muss, vermutet, dass Korruption dahinter steckt. Sie sagten uns nämlich im Immigration- Office, dass wir für unsere benötigten Dokumente nach Accra fahren müssten (Hauptstadt von Ghana; Entfernung Nalerigu- Accra kann man mit Tübingen- Berlin vergleichen…nur dass es keine Züge gibt) nur für ein medizinisches Gutachten, dass 160 Euro kosten soll. Ziemlich ärgerlich, wenn man bedenkt, dass auch die Preise für Dokumente und Visa jedes Jahr steigen. Für jeden von uns beläuft sich das Ganze auf ca. 500 Euro, aber glücklicherweise hat unsere Organisation beschlossen, uns darin zu unterstützen. Einen bitterer Beigeschmack bleibt trotzdem, denn es beschleicht mich der Verdacht, dass das Land uns nur willkommen heißt, weil wir „reiche“ Europäer sind (also ich meine jetzt nichtdie Leute in Nalerigu!).

Weniger frustrierend, dafür gemächlich fing für Adi und mich die Schulzeit nun richtig an. Ich muss immer noch lachend den Kopf schütteln, wenn ich daran zurückdenke, wie wir zwei Tage nach unserem Tamale- Aufenthalt sechs Stunden im Büro von Ernest, unser Headmaster warteten, um unsrer Stundenpläne zu erhalten. Es ist ja nicht so, dass die Ferien schon seit zwei Wochen vorbei sind und alle anderen Lehrer ebenfalls auf ihren Plan warten aber egal…Bevor Ferienbeginn hatten Adi und ich entschieden, welche Klasse und welches Fach wir gerne unterrichten würden. Bei mir lief es auf Mathe in der fünften Klasse hinaus. (Ursprünglich hatte ich mich für die sechste Klasse entschieden, aber da sie in der Schule kein übriges Mathe Buch finden konnten, habe ich noch einmal getauscht 😉). Ich bin nun alle fünf Tage in der Woche am Start, da Mathe ein Hauptfach ist und sich die Fünftklässler in zwei Klassen aufteilen. Adi als ICT- Lehrer (man lernt dort, wie man mit Computern umgeht) muss nur zweimal die Woche aufkreuzen. Am nächsten Tag bin ich also wie es mir mein Stundenplan sagte, in die Schule gekommen. Wie erwartet, beobachtete ich den Unterricht aus dem hinteren Teil des Klassenzimmers, um erstmal einen Eindruck von der Klasse, dem Unterrichtsstil und dem Lernstand zu bekommen. Es ist anders.

Hier ein paar wesentliche Unterschiede:

  • Die meisten Lehrer sind ungefähr in meinem Alter. Das liegt daran, dass man nach dem Abschluss der Sinior- Highschool- das entspricht quasi dem Abitur- als privater Lehrer unterrichten darf. Viele nutzen das, um die Zeit zwischen Schule und Universität zu überbrücken, wenn sie es sich leisten können. Das erklärt, warum es hier niemand komisch findet, dass wir zwei als Lehrer arbeiten, im Gegensatz zu meinen deutschen Bekannten 😃
  • Die Größe der Klasse kann zwischen 30 und 70 Schülern liegen (zu unserer Erleiterung wurde uns angeboten, die Kasse zu teilen, sodass der eigentliche Lehrer und ich jeweils eine Hälfte unterrichten)
  • Die Kinder in meiner Klasse sind ungefähr zwischen neun und dreizehn Jahren, da es kein einheitliches Alter für den Schulbeginn gibt.
  • Wie in Deutschland auch, sind die Kinder zum Teil sehr unruhig und laut aber sie spazieren ungehindert rein und raus aus dem Klassenzimmer, ohne dass es den Lehrer stört. So kommt es vor, dass plötzlich nur noch die Hälfte der Schüler am Unterricht teilnimmt. Auch habe ich einmal mitbekommen, dass der Lehrer zum Telefonieren fünf Minuten das Zimmer verlassen hat. Ich glaube zu durchschauen, warum einige der älteren Schüler vorauslernen- nämlich damit sie dem Unterricht überhaupt folgen können.
  • Wenn der Lehrer wirklich Ruhe verlangt, greift er zum Schlagstock. Auch Fehler in einem Test werden mit Schlägen bestraft. Man sagte mir, dass sich manchmal Eltern beschwerten, ihr Kind würde nicht oft genug geschlagen werden in der Schule. Ich wusste, dass sie hier mit Züchtigung arbeiten und ich dachte, dass dies mir am meisten zu schaffen macht. Aber es bestärkt meine Entschlossenheit, es anders zu machen.

Das erste Mal, als ich vor der Klasse stand, habe ich gemerkt, dass es eine gute Entscheidung war, Klasse fünf zu wählen. Da der Unterrichtsstoff nicht allzu schwer ist, muss ich nicht noch darin Zeit investieren, mich einzuarbeiten. Denn wie man sich vielleicht schon gedacht hat, liegt die größere Herausforderung nicht darin. Schnell wurde klar, dass ich mir schleunigst was überlegen muss, wie ich eine solch große Klasse, in der es unmöglich ist, sich alle Namen zu merken, ruhig halten kann, wenn ich das schlagen weglasse. Ich versuche an meine Schulzeit zurückzudenken, aber oft muss ich feststellen, dass man einige Maßnahmen hier nicht durchsetzten kann. Einträge im Tagebuch kann man gleich vergessen, da es kein Tagebuch gibt und da war ja das Problem mit den Namen. Strafarbeiten und Nachsitzen für die Hälfte der Klasse ist auch unmöglich durchführbar. Und eigentlich möchte man ja erreichen, dass die Klasse nicht nur zuhört, weil sie sonst bestraft wird, sondern sie soll es aus Interesse tun. Meine Schwester meinte, ich könnte ja den Spieß herum drehen und mit Belohnung arbeiten…auf jeden Fall kann man das mal ausprobieren 😉. Ein weiteres Problem zeigte sich darin, dass mein vorbereitetes Thema bei vielen zur Überforderung führte. Der Lehrer hatte mich mit dem Thema Faktoren beauftragt. Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können- hier eine kurze Definition: Eine Zahl, die die gegebene Zahl exakt teilen kann, ist ein Faktor dieser gegebenen Zahl. Selbst, wenn man das jetzt nicht verstanden hat, sollte man gemerkt haben, dass es nützlich sein könnte, Multiplikation und Division zu beherrschen. Tja, nur musste ich feststellen, dass manche meiner Schüler nicht einmal verstanden, dass 12:2=6 ist. Das machte die ganze Geschichte natürlich um einiges komplizierter. Am Ende meiner ersten Stunde, hatte ich das Gefühl, dass drei Kinder wirklich verstanden, was ich ihnen versucht hatte beizubringen. Ein bisschen frustrierend, wobei mich die Lehrer aufgemuntert haben und mir versicherten, dass das durchaus normal ist und es wichtig ist, es oft zu wiederholen. Tatsächlich hatte ich nach dem dritten Anlauf in dieser Woche ein deutlich besseres Gefühl beim Verlassen des Klassenzimmers. Nur, dass wir mit dem Stoff eigentlich viel weiter sein sollten, blendete ich einfach aus…

Die Arbeit nachmittags im Feeding- Center kommt mir im Gegensatz zur Schularbeit sehr unkompliziert vor. Man muss nichts groß vorbereiten und hat auch kein Ziel, dass man erreichen muss oder will. Wenn wir dort um vier Uhr ankommen, essen die Kinder, welche zuvor von der Schule gekommen sind noch. Man wird wirklich von allem zum Essen eingeladen, wobei ich mir überlege, dass erstmal nicht anzunehmen, da ich wieder Verdauungsproblem bekommen habe. Ich weiß nicht, ob dass unhöflich ist aber es wird hald mit der Hand gegessen (z. T. ohne Waschen) 😉. Nach dem Essen machen wir ungefähr noch eine Stunde Programm. Letzte Woche hat sich das spontan ergeben, da wir erst einmal die Kinder kennenlernen sollten. Das hat sich als unkompliziert erwiesen. Die kleineren Kinder waren fast nicht mehr abzuschütteln und man hatte ziemliche Mühe, für jeden Zeit zu finden. Es wurde Fangen gespielt, Wettrennen und Kitzelwettkämpfe durchgeführt aber auch bei der Maisernte geholfen. Außerdem bin ich daran verzweifelt, die Klatsch- und Hüpfspiele der Mädels zu lernen 😃. Nächste Woche wird sich dann herausstellen, inwiefern sich der Wochenplan umsetzten lässt, denn wie uns jetzt schon klar wurde, könnte es beispielsweise schwierig werden zu malen, ohne Malsachen 😉.

Spätestens um sechs Uhr war ich wieder zu Hause. Mein Weg dorthin war meistens länger, als er eigentlich sein könnte, da einige der Kinder den gleichen Heimweg haben. Dabei habe ich schon wieder erfahren, wie herzlich die Menschen hier sind. Das ein oder andere Mal wurde ich mit zu ihnen nach Hause eingeladen, weil ich unbedingt die Familie kennenlernen sollte. Dann kam es vor, dass man zum Essen eingeladen wurde, was mich und sie selbst immer richtig glücklich gemacht hat 😊. Letzten Samstag wurde ich auf eine Erdnussfarm mitgenommen und eine andere Familie hat mir die Haare geflochten.

Tja, dass man eine lange Hose auf der Farm tragen sollte, hat mir irgendwie niemand gesagt…

Ich glaube bis auf die Kirchengeschichte, den vielen Müll und das Schlagen als Erziehungsmaßnahme kann ich mich mit so ziemlich allem hier anfreunden. Eigentlich ein ganz gelungener Start in mein Leben in Ghana 😃

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